Hast du auch den Traum, dass andere sofort erkennen, dass du ein bestimmtes Bild gezeichnet hast? Der eigene Stil wird von den einen Zeichnern wie ein heiliger Gral behandelt, während andere diese Fixierung tadeln. Die Wiedererkennbarkeit ist meiner Meinung nach sowieso nur der erste Schritt ich möchte auch einen Stil, der meinen eigenen Ansprüchen genügt und mich repräsentiert.

Über die Einzigartigkeit heraus geht es also beim Zeichenstil noch um viel mehr Fragen, die die Kreativen umtreiben: Nicht nur finden, sondern auch (weiter-)entwickeln heißt die Devise! Und während ich glaube, dass jeder Stil natürlich in einem Prozess entsteht, so kann man ihm doch mit gezielten Analysen und Übungen auf die Sprünge helfen.  

In diesem Beitrag habe ich deswegen Tipps versammelt, die dir bei den ersten Schritten, aber auch beim definieren, ausformen oder verändern deines Stils helfen sollen.



Was ist Stil?


Stil ist ein unverwechselbarer Merkmal in einem Kunstwerk, oft auch der Strich oder Duktus genannt. Das können Linienführung, Farbwelten, der Umgang mit Formen oder thematische Eigenheiten sein. Diese Besonderheit ist nicht immer einfach zu erklären oft entsteht in der Summe all dieser Eigenschaften ein "Gefühl" oder eine bestimmte "Energie", die das Kunstwerk mit dem Künstler in Verbindung bringen.

Stil ist übrigens zu einem großen Teil unabhängig von Motiven und Technik. Auch wenn die meisten Künstler mit der Zeit eine Vorliebe für bestimmte Themen und Medien entwickeln, so erkennt man den Stil auch, wenn sie etwas anderes zeichnen/malen als sonst. Die Feinheiten eines Stils entwickeln sich über längere Zeiträume und sind für jeden Menschen einzigartig.

Wie gehst du am besten nun vor, wenn du mehr über deinen eigenen Stil herausfinden willst?

Analyse Teil I: Ästhetische Präferenzen


Es ist manchmal schwierig zu erklären, warum einem bestimmten Dinge gefallen und wie ästhetische Präferenzen entstehen. Ich finde es deswegen sehr nützlich, sich einmal genau anzusehen, was man bewundert und ansprechend findet. So kannst du aus der unbewussten Beeinflussung durch Vorbilder bewusst Elemente herausgreifen und in den eigenen Stil einfließen lassen. Einfach nur schöne Bilder angucken ist dabei aber nicht zielführend du musst sie auch mit einem  analytischem Auge betrachten.

Hilfreich bei dieser Aufgabe ist eine Sammlung von Bildern, die dich inspirieren. Auf einem Haufen und direkt nebeneinander fallen Gemeinsamkeiten nämlich eher auf. Vielleicht hast du ja bereits einen Ordner auf dem Computer oder sammelst auf Pinterest-Boards Bilder, die dir gefallen. Es kann aber auch helfen, deine Umgebung genau zu betrachten: Welche Farbe kommt in deinem Kleiderschrank am häufigsten vor? Gibt es Themen oder Genres, die in deinen absoluten Lieblingsserien und -büchern immer wiederkehren?

Sinn dieser Übung ist es, schon mal Farben, Elemente, Techniken und Themen herausfiltern, die dir liegen und später auch Eingang in deinen eigenen Stil finden könnten. Wie im Supermarkt legen wir also erstmal alles ins Körbchen, was wir uns abgucken wollen. Aber nicht vergessen: Bitte nicht nur von 1-2 Künstlern "bedienen", das artet schnell im bloßen Kopieren aus!

Beispiel:

Um dir zu zeigen, was ich meine, habe ich mal eine kleine Beispielanalyse anhand eines meiner allgemeinen Kunst-Pinterestboards gemacht. Dort sammle ich alle möglichen interessanten Bilder, die mir vor die Maus kommen:


(Klick für das ganze Board!)

Einige der Tendenzen, die ich hier erkenne, sind folgende:
  • Blau-, Rosa- und Rottöne kommen sehr häufig vor; oft im direkten Kontrast miteinander
  • Linienzeichnungen mit Tusche ebenso
  • abgebildet werden zumeist Menschen/Gesichter/Porträts
  • diese aber eher weniger "klassisch" schön und stattdessen auf Emotionen fokussiert
  • Kompositionen beinhalten oft Farbflächen, Muster/Strukturen, grafische Elemente in ihrem Aufbau
  • thematisch haben viele Bilder einen Hang zum Symbolischen, leicht Surrealen
  • wiederkehrende Elemente: Pflanzen, Himmelskörper, Augen, japanische Mythologie & Popkultur, Wasser/Himmel
  • viele der Bilder sind nicht "hochglanzpoliert" sondern nutzen unausgearbeitete, skizzenhafte Elemente
  • Ich mag Bilder, die (in meinen Augen) mit wenig eine Geschichte erzählen können
  • ...

Analyse Teil II: Deine eigenen Zeichnungen


Nachdem wir uns die anderen angesehen haben, geht es nun ans Eingemachte an die eigenen Werke. Auch hier hilft es, möglichst viele Bilder nebeneinander zu legen und die folgenden Fragen zu beantworten:

Welche Gemeinsamkeiten haben die Zeichnungen? Gibt es einen roten Faden? Was ist das Besondere an Ihnen? Was lösen sie beim Betrachter aus?

Wenn es um die eigene Arbeit geht, hat man manchmal ein Brett vorm Kopf. An dieser Stelle lohnt es sich also, Andere nach ihrer Meinung zu fragen. Es kann sehr überraschend sein, was sie mit dem Blick von Außen erkennen.

Es ist übrigens auch kein Grund zu Verzweifeln, wenn du bei der Analyse noch nicht viel Einzigartiges siehst – an diesem Punkt sind wohl die allermeisten Künstler gewesen. In diesem Schritt sollst du vor allem herausfinden, was dir an deinen Bildern gefällt und was nicht. Aus dem formlosen Etwas dein eigenes Ding zu machen, darum kümmern wir uns im nächsten Punkt.



Experimente, Iteration und ganz viel Zeichnen


Dieser Schritt ist der Schwierigste, aber auch der Spannendste: Aus der Differenz zwischen deiner Idealvorstellung deiner Bilder und dem Ist-Zustand leiten sich die konkreten Dinge ab, die du ändern musst. Diese gesetzten Ziele erreichst du nur im Arbeitsprozess und durchs Experimentieren also Material bereitgelegt und los!
 
Die zeichnerischen Grundlagen sind immer nützlich, aber letztlich bilden sie nur die Fundamentsteine, auf denen der eigentlichte Stil fußt. Sie zu üben gibt dir das Handwerkszeug, auszudrücken, was du sagen möchtest. Während du die Studien also nicht vernachlässigen solltest, musst du für den eigenen Stil auch viel aus der Fantasie zeichnen. Und das kann, wie ich aus Erfahrung weiß, sehr schwer sein am Anfang! Ohne eine Vorlage war das weiße Blatt für mich sehr einschüchternd – ich wusste nicht, was ich überhaupt zeichnen sollte und war von meinen fehlenden Fähigkeiten frustriert, die dann umso deutlicher zum Vorschein kamen. Es hat lange gedauert, bis ich ohne Angst und Druck losskizzieren konnte. Letzendlich verbessert man sich aber nur, wenn man an seine eigenen Grenzen stößt und sie überwindet.

Hier kommt die Iteration ins Spiel. Das bedeutet, das Gleiche immer wieder in leicht verändertet Form zu zeichnen. Ich habe zum Beispiel unzählige Gesichter skizziert, bis sich eine bestimmte Art und Weise der Darstellung eingeschliffen hat. Der einzelnen Zeichnung sollte damit nicht zu viel Bedeutung und Zeit beigemessen werden. Versuch es einfach weiter, bis das Muskelgedächtnis es fast von allein zeichnen kann. Und auch wenn ich hier wie eine hängende Platte klinge: Ein Skizzenbuch ist der perfekt Ort für diese Übungen. So kannst du über die Zeit hinweg deine Entwicklung wunderbar nachvollziehen.

Unglaublich wichtig sind auch Regelmäßigkeit und Routine. Jeden Tag ein bisschen bringt mehr, als nach langen Pausen gleich wieder ins kalte Wasser springen zu müssen. Auch Hand und Kopf wollen im Training bleiben! Wenn du dich nicht regelmäßig zum Sitzen am Schreibtisch überwinden kannst, dann fordere dich doch mal mit einer der vielen Zeichenchallenges selbst heraus. Viel produzieren zu müssen, treibt dich nicht nur kurzfristig an die eigenen Grenzen, sondern beschleunigt auch die Stilfindung.

Auf lange Sicht: Leben und erleben


Niemand ist von jetzt auf gleich eine ausgeformte Persönlichkeit und mit der Entwicklung eines persönlichen Stils verhält es sich ähnlich. Sich in einer Dachkammer einzuschließen und 3 Wochen später als neuer Picasso heraustreten, wird wohl eher nicht passieren.

Ein großer Teil vom Malen und Zeichnen lernen ist das "Sehen lernen" Die Fähigkeit, Formen zu erkennen und darzustellen, also was du siehst in eine Abstraktion überführen zu können. Dazu gehört für mich auch, Gefühle, Erlebnisse und Einflüsse mit der Brille des Künstlers zu betrachten und nicht einfach vorbeiziehen zu lassen. Inspiration wartet überall, wenn man sich Zeit zum Beobachten und Finden von Details nimmt. Auch so baust du dir über die Zeit einen kreativen Fundus auf, aus dem du schöpfen kannst. Also geh raus, erlebe was und lass dich inspirieren!


 

Fazit


Stil entsteht in einem Prozess. Frustration, Rückschläge sowie Veränderungen eines Stils sind Teil dieses Prozesses und sollten dich nicht davon abhalten, weiterzumachen. Regelmäßigkeit ist fürs Zeichnen sehr wichtig: Auch wenn es zunächst schwierig ist, soll das Training zu einer Gewohnheit werden. Vergiss bei allem den Spaß an der Sache und am experimentieren nicht. Zeichne, was dich glücklich macht und lass dich nicht zu sehr von anderen beeinflussen. Im Idealfall findest du etwas, was dich so fasziniert, dass du gerne Stunden damit verbringst.