Sehr lange schon lag der Entwurf für diesen Artikel herum. Ich war mir unsicher, ob ein so persönlicher Text hier reinpasst - Arianes Aufruf zur Blogparade über das Heimkommen nach einem Auslandsaufenthalt hat mir jetzt den nötigen Schubs gegeben, ihn endlich zu beenden. Lest also weiter, wenn ihr wissen möchtet, wie es mir nach der Rückkehr aus Japan ergangen ist.

5 Wochen war ich in Japan. 5 kurze Wochen. Doch die Zeit reichte, um mich nicht mehr wie ein bloßer Tourist zu fühlen. U-Bahn fahren verursachte kein Herzklopfen mehr, sondern ich schrieb wie die Einheimischen auf LINE, ohne ständig nervös auf die Anzeigen zu schielen. Mein Gehirn stellte sich darauf ein, 24 Stunden am Tag nur von der Japanischen Sprache umgeben zu sein. Ich entwickelte eine Akzeptanz für die ständige Nähe zu anderen Menschen und ließ mich im Strom der Massen treiben. Ich fühlte mich nicht beengt, trotz des Wohnens auf engstem Raum. Kurz: Ich merkte, wie sich meine Wahrnehmung grundlegend änderte. Das Leben in Japan wurde so schnell Alltag, zweite Natur, dass es mir fast unheimlich war.

Andere Teilnehmer des Sprachkurses sagten, dass sie sich auf Zuhause freuen. Ich fühlte mich schuldig, dass ich stattdessen Familie und Heimat kaum vermisst hatte. Ich blieb 3 Wochen länger als die meisten, weil ich mehr wollte - mehr der Alltäglichkeiten und des Besonderen, mehr sehen, mehr erleben, mehr fühlen, was Japan bedeutet. Anders als bei meinem ersten Aufenthalt in diesem Land konnte ich viele Dinge besser wertschätzen, tiefer eintauchen. Die letzten Tage vor der Abreise lag ich oft lange wach, das betäubende Gefühl von Panik im gesamten Körper.

Überhaupt zu gehen, war für mich persönlich ein so riesiger Schritt, dass ich mir über die Heimkehr keine Gedanken gemacht hatte. Ich musste zum ersten Mal alles alleine planen, alleine fliegen und machte mir Sorgen, dass irgendwas schief gehen könnte. Das Flugzeug hätte ich vor Angst am liebsten gar nicht mehr betreten. Doch es klappte alles - ich war auf mich gestellt und es lief nahezu reibungslos. Fernab von allem Bekannten völlig alleine zurechtzukommen, löste ein unbeschreibliches Hochgefühl aus.


Wegen dieser tiefen Erfahrung war der Rückkehrschock vielleicht auch so viel schlimmer. Alles schien mir falsch in Deutschland: die Farben, die Gerüche, die Geräusche, die Gesichter und ihre Mimik. Die Lautstärke der Menschen in der Öffentlichkeit, Telefonieren im Zug, der Dreck auf den Straßen, die Unfreundlichkeit des Servicepersonals - alles rückte extrem in den Fokus. Selbst die eigene Wohnung kam mir vor, wie durch einen Zerrfilter betrachtet, die Dimensionen nicht mehr vertraut. Auch mein eigenes Gesicht schien nicht mehr dasselbe zu sein - ich fühlte mich wie ein Fremdkörper im eigenen Leben.

Es folgte die unausweichliche Frustration, weil Worten und Schnappschüsse nicht ausdrücken können, was man empfindet. Weil man anderen auf die Nerven geht, wenn man immer wieder mit Anekdoten der Reise ankommt. Weil man plötzlich vor einem großen Loch steht. Verschlimmert wurde die Situation, weil mich zu Hause nur die ungewisse Zukunft nach dem Studium erwartet hatte. Ich lag oft wach, dachte nach, vergoss einige Tränen der Verzweiflung. Ich hatte eine andere, selbstbewusste Seite von mir kennengelernt, die jetzt schon wieder zu verschwinden drohte. Und ich fragte mich: hatte ich mir nur etwas vorgemacht? Wer war das richtige "Ich" - die Person, die gegangen ist, oder die, die wiederkam? Wie können einen 5 Wochen an einem anderen Ort in eine derartige existenzielle Krise stürzen?


Der gefürchtete, immer größer werdende Abstand zur Reise brachte aber auch langsam rationale Reflexion und Linderung mit sich. Ich habe mich einfach nur verändert, das ist weder ungewöhnlich noch schlimm - zumal es durchaus eine Entwicklung zum Guten war. Ich habe etwas über meine eigene Stärke gelernt, Bestätigung von völlig Fremden erfahren, einfach gemacht statt alles zu zerdenken, mich getraut. Meine Gastgeberin Kiyoko hatte recht: ein Aufenthalt im Ausland verändert einen nachhaltig, auch wenn man das vielleicht nicht sofort bemerkt.

Manche Erlebnisse kann und muss ich gar nicht teilen, es reicht, sie für mich allein in meinem Herzen aufzubewahren und aus ihnen zu lernen. Der Schmerz verblasst langsam und wandelt sich zu dem Gefühl des natsukashii - die warme Nostalgie, die man empfindet, wenn man sich sehnsüchtig an etwas Schönes erinnert.




Ich freue mich über eure Gedanken zum Thema. Habt ihr diese seltsame Phase der Depression nach einer Reise schon einmal erlebt? Was habt ihr dagegen getan?