Ein paar Wochen bevor ich diesen Blog eröffnete, steckte ich noch fest im Würgegriff einer kreativen Blockade, die fast zwei Jahre angedauert hatte. Aus vielerlei Gründen habe ich in dieser Zeit so gut wie gar nichts zu Papier gebracht. Und wenn, dann war ich unzufrieden und frustriert. Schließlich entwickelte sich sogar eine regelrechte Hemmung: meine Hand verkrampfte, sobald der Stift das Blatt berührte. Ich fragte mich, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, weiterzumachen.

Ein Skizzenbuch mit leeren Seiten


Angestoßen durch einen Aktzeichenkurs an meiner neuen Uni lösten sich die Absperrbänder im Kopf aber langsam und ich begann gegen Ende 2012 wieder regelmäßiger zu zeichnen. Der Kampf gegen die Minderwertigkeitskomplexe war damit aber noch lange nicht ausgetragen. Vielleicht kommen euch ähnliche Gedanken bekannt vor:

"Ich werde nie so gut sein wie XY."

"Die anderen haben einen wiedererkennbaren Stil, ich habe nichts Besonderes."

"Die anderen entwickeln sich viel schneller weiter als ich."


1) Der Vergleich mit anderen kann ein Segen sein, weil er inspiriert und motiviert - schnell läuft es aber in die andere Richtung. Mir hat die Feststellung geholfen, dass wider Erwarten auch viele von mir bewunderte Künstler zweifeln und verunsichert sind angesichts ihrer Fähigkeiten. Dieser Beitrag von einem meiner Lieblingsillustratoren erinnert mich regelmäßig daran, dass auch große Kunstwerke mit einer kleinen Skizze beginnen. Man kann nur lernen, sich Schritt für Schritt voranzuarbeiten und zu verbessern. Dabei muss man gar nicht so werden wie XY, sondern kann den Weg einschlagen, der sich für einen selbst richtig anfühlt.

2) Was mich zum nächsten Punkt bringt: dem eigenen Stil. Es gibt kein einfaches Patentrezept, um diesen zu erreichen. Das Unverwechselbare kann nicht bewusst hineingelegt werden, sondern kommt irgendwann ganz natürlich. Dafür muss man sehr viel produzieren, ausprobieren und notfalls wieder verwerfen. Um wirklich gut zu werden, muss man seine Nische finden, etwa ein bestimmtes Thema oder eine Technik. Denn: für jeden ist die beste Ausdrucksweise eine andere. Während der eine vielleicht mit abstrakten Fünf-Minuten-Tuschebildern glücklich wird, sind es für den nächsten hyperrealistische Fünfzig-Stunden-Photoshop-Malereien - beides kann gleich genial sein und ist nicht per se "besser" oder ausdrucksstärker. Ich habe außerdem festgestellt: das Besondere in den eigenen Bildern nehmen andere viel stärker wahr als man selbst!

3) Ein weiteres leidiges Thema: während man selbst nicht von der Stelle zu kommen scheint, galoppieren die anderen im Kopfkino auf weißen Rössern davon. Als ich wieder mit dem Zeichnen anfing, fühlte ich mich auf Null zurückgesetzt. Meine neuen Zeichnungen waren für mich das Strich gewordene Defizit. Dann fand ich beim Aufräumen alte Skizzenbücher und merkte:  "Im Vergleich dazu ist das neue Zeug ja gar nicht so schlecht." Eigentlich ist sogar im aktuellen Skizzenbuch schon ein Sprung zu verzeichnen. Das Wichtigste war, wieder in eine regelmäßige Zeichenroutine hineinzufinden, statt nach zehn Minuten aufzugeben und dann erst zwei Wochen später wieder anzusetzen. Wie die meisten Fähigkeiten ist auch kreative Arbeit bis zu einem gewissen Grad eine Sache des Trainings!

In Kurzform: Lasst euch nicht entmutigen, es gibt noch so viel auszuprobieren und zu erschaffen! Gebt nicht auf und arbeitet weiter, auch wenn das Ziel mal wieder unendlich weit weg scheint und diese eine Sache gerade völlig misslungen ist. Es geht außerdem nicht immer nur um die ominösen anderen, sondern auch darum, was euch die Kunst persönlich gibt. Macht, was euch gut tut!

Das sind alles wahrlich keine bahnbrechenden Neuigkeiten - noch dazu sind sie einfacher gesagt, als getan. Aber vielleicht muss wie ich jemand hin und wieder daran erinnert werden! Es ist schöner, sich auf den guten Teil konzentrieren zu können, statt sich ständig selbst fertig zu machen. In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht und musste das jetzt loswerden.  Mein Wort zum Sonntag Freitag :)