Unsere nächste Station nach Tokyo war Takamatsu auf Japans kleinster Hauptinsel Shikoku. Die direkt am Meer liegende Stadt ist euch vielleicht bereits ein Begriff, wenn ihr Haruki Murakamis Roman "Kafka am Strand" gelesen habt. Darin flieht der Protagonist Kafka Tamura aus Tokyo nach Takamatsu, um seinem prophezeiten Schicksal zu entkommen – nur um ihm damit umso mehr in die Arme zu laufen. Das Buch stellte vor vielen Jahren meinen ersten Berührungspunkt mit japanischer Literatur dar und besitzt deswegen einen besonderen Platz in meinem Herzen. Warum also nicht einmal den Schauplatz der Geschichte besuchen? 


Ein bisschen sind mein Freund und ich also Kafkas Spuren gefolgt, als wir uns von Tokyo nach Takamatsu aufmachten. Allerdings haben wir uns gegen den Nachtbus entschieden und bestiegen stattdessen in aller Frühe ein Flugzeug, sodass wir schon kurz vor Mittag ankamen. Zumindest in die Stadt ging es dann aber mit einem Shuttlebus. Der Empfang durch das Wetter gestaltete sich dank strömendem Regen nicht sehr freundlich. Der Bahnhof ließ sich die Stimmung trotzdem nicht vermiesen und grüßte dank Lachgesicht freundlich.


Passend zum ungemütlichen Wetter genehmigten wir uns erstmal eine Schüssel Udon-Nudelsuppe, für die die gesamte Gegend bekannt ist. Sanuki-Udon heißen sie, was auf den alten Namen für die Kagawa Präfektur zurückgeht. Udon am Bahnhof zu essen hakt auch gleich einen Punkt auf der Murakami-Liste ab, denn dasselbe hat die Figur Kafka auch nach seiner Ankunft getan.


Unsere Unterkunft allerdings war ein bisschen besser als sein namenloses Businesshotel: Im 11. Stock des Daiwa Roynet Hotels hatten wir eine wunderbare (zwar immer noch verregnete) Aussicht auf die Stadt und den Tafelberg Yashima:


Wenn man ein Buch liest und den darin beschriebenen Ort nicht kennt, füllt die Fantasie die Lücken aus. Takamatsu war definitiv anders, als ich es mir nach der Lektüre vorgestellt hatte und gleichzeitig machte es auch "Klick": Als ich das tatsächliche Takamatus kennenlernte, konnte ich mir so gut vorstellen, wie die Figuren hier herumgelaufen sind. Etwa durch das Netz von überdachten Einkaufsstraßen, die verschlafenen Wohngebiete an den Stadträndern oder in der Nähe zum Meer. Von oben sieht die Stadt weitläufig aus, aber eigentlich braucht man nur wenige Stationen mit der Kotoden-Linie zu fahren, um die Berghänge und damit fast eine andere Welt zu erreichen.

Ohne das Buch gelesen zu haben, hätte ich Takamatsu wahrscheinlich mit anderen Augen gesehen. So aber konnte ich mir die Magie hinter den alltäglichen Dingen zumindest vorstellen. Da schien es nicht mehr abwegig,  hinter der nächsten Ecke einer sprechenden Katze über den Weg zu laufen oder eine mysteriöse Bibliothek zu finden...


Müsste ich Takamatsu eine Farbe zuordnen, wäre es das intensive Blau von Meer, Himmel und der im entfernten Dunst verschwindenden Berge – Mehr von diesen tollen Panoramen seht ihr dann im nächsten Beitrag, wo es mit einer Inseltour wieder etwas touristischer wird ;)